Wenn Mädchen jemanden zum Reden brauchen

Quelle: Artikel der Esslinger Zeitung vom 30.08.2016

Große Freundinnen: Programm des Kinderschutzbundes hilft

Oft hilft es schon, wenn jemand zuhört. Grade für Mädchen in der Pubertät ist es wichtig, dass sie reden und sich austauschen können. Das Programm „Anna & Marie“ des Deutschen Kinderschutzbundes richtet sich an Mädchen ab zwölf Jahren, die jemanden zum Zuhören brauchen. Im Kreis Esslingen wird es allerdings nur sehr wenig genutzt. „Ich hätte gerne eine Anna“, sagt Vanessa Tielburg, die als „große Freundin“ Marie zur Verfügung steht.

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Vanessa Tilburg zeigt ein Kärtchen, das die Themen umreißt, über die sie mit Mädchen im Projekt „Anna & Marie“ gerne reden würde. Ait Atmane

Von Karin Ait Atmane

Vanessa Tielburg ist 29 Jahre alt und schon lange ehrenamtlich engagiert. Sie hat sich beim Kinderschutzbund als „Marie“ ausbilden lassen, weil ihr die Aufgabe zusagt: Es geht darum, Mädchen, die niemanden zum Reden haben, zu stützen – aber ohne Bevormundung und ohne eine Lösung vorzugeben. In der Ausbildung, die sich über mehrere Abende erstreckte, habe man „einen Weg gelernt, zuzuhören“, erzählt die junge Frau. Die Teilnehmerinnen übten, „zwischen den Zeilen zu hören, nicht gleich die eigenen Kommentare dazu zu geben“.

Das Ziel sei, das Selbstbewusstsein der Mädchen zu stärken, ihnen zu zeigen, dass sie selbst Dinge in ihrem Leben verändern können“, erklärt Brigitte Sheik vom Kreisvorstand des Kinderschutzbundes. Derzeit stehen in Esslingen drei „Maries“ im Alter zwischen 29 und Ende 40 zur Verfügung. Aber es fehlen die redebedürftigen Mädchen. Das wäre an sich kein Problem, sondern eine gute Nachricht, wenn es daran läge, dass in Esslingen und Umgebung alle Mädchen jemanden haben, der ihnen zuhört. Brigitte Sheik und Christine Miller, die stellvertretende Vorsitzende des Kreisverbands, bezweifeln das. „Ich denke, es gibt viele Mädchen, denen das gut tun würde“, sagt Sheik. Woran das verhaltene Interesse an dem Programm liegt, können sie sich nicht so recht erklären, im Kreis Göppingen zum Beispiel sei der Zuspruch viel größer.

Eigentlich ist „Anna & Marie“ ein leicht zugängliches und unverbindliches Angebot. Mädchen, die eine „große Freundin“ suchen, melden sich in der Geschäftsstelle. Sie bekommen dann einen Rückruf, eine Handynachricht oder eine E-Mail von einer der „Maries“. Der Weg der Kommunikation ist nicht festgelegt, oft werde Mail oder What’s App gewünscht, erzählt Vanessa Tielburg. Wenn die Chemie nicht stimmt oder sie keinen Bedarf mehr haben, können die „Annas“ den Kontakt beenden.

Projekt soll bekannter werden

Es gibt Fälle, in denen die „große Freundin“ nicht die richtige Ansprechpartnerin ist: Wenn es um psychische Probleme, Drogenmissbrauch oder ähnliches geht, sind andere Adressen gefragt. Da gilt es dann, das Mädchen „zu motivieren, dass es zu einer Beratungsstelle geht“, sagt Tielburg. Bei ihrem Programm geht es um die Schule, um Freundschaft und Mobbing, um Probleme mit Eltern, Geschwistern, dem Freund – um eigentlich ganz normale Vorgänge in einem schwierigen Alter, die verarbeitet werden müssen. Angesprochen sind auch Flüchtlingsmädchen.

Das Team des Kinderschutzbundes hat das Projekt bereits in Schulen vorgestellt, im Herbst möchte es einen neuen Anlauf unternehmen, um es bekannter zu machen.

Mädchen, die im Programm „Anna & Marie“ mit einer „großen Freundin“ sprechen wollen, melden sich in der Geschäftsstelle des Kinderschutzbundes unter Tel. 07 11/35 29 55. Sie bekommen dann eine Ansprechpartnerin vermittelt.